Interview des Monats
Von Stillstand keine Spur – Berliner Stadtentwicklung von der Fischerinsel bis zur Europacity
Seit 2007 ist Regula Lüscher Senatsbaudirektorin und Stadtplanerin Berlins. Die 48-jährige Baslerin prägt damit das Antlitz der deutschen Hauptstadt entscheidend mit. In der Urania spricht sie am 13. September um 19.30 Uhr mit Stadtplaner Urs Kohlbrenner über aktuelle Vorhaben und Planungen für Berlin. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Ab Oktober folgen weitere Gespräche.
Urania: Frau Lüscher, an welchem Ort in Berlin fühlen Sie sich besonders wohl?
In meinem Kiez, Tempelhofer Park, Freischwimmer und Badeschiff. Und dann Radialsystem, Philharmonie, Schlachtensee.
Sie haben die Stadtentwicklung Zürichs entscheidend geprägt. Welche wichtigen Erfahrungen lassen sich aus ihrer Zeit dort besonders auf Berlin übertragen, wo liegen Unterschiede?
Man kann nie direkt und ungebrochen Erfahrungen übertragen, aber man bringt die eigenen Überzeugungen und Haltungen mit. Stadtplanung ist ein Prozess, in dem viele Akteure – die Politik, die Investoren, die Nutzer, die Bevölkerung – alle ihre eigene Rolle und Verantwortung tragen. Diese Interessen müssen moderiert zusammengeführt und in einen Dialog gebracht werden.
Eine Senatsbaudirektorin muss ein eigenes Bild, eine eigene Lesart und Haltung zu ihrer Stadt haben. Das war in Zürich so und so es ist es in Berlin. Berlin ist für mich eine sehr fragmentierte Stadt, deren kompakte urbane Kieze durchzogen und umgeben sind von Lücken, positiver gesagt: großen Landschafts- und Grünräumen mit zum Glück auch viel Wasser. Das ist das allergrößte Potential und die Qualität dieser Stadt. Außerdem – und das ist das zweite Charakteristikum – Berlin hat so viele unterschiedliche Orte und Kieze, die es aus ihrem jetzigen Bestand heraus zu entwickeln gilt. Ob das nun eine Großsiedlung in Marzahn, das Tempelhofer Feld, die Heidestraße, die City West oder die Historische Mitte ist. Alle Orte haben ein ganz eigenständiges städtebauliches, gesellschaftliches, kulturelles und soziales Gesicht. Dies muss genau verstanden und gemäß seinem eigenen Charakter entwickelt werden. Die Unterschiede liegen ganz klar im Politischen und Kulturellen. In Zürich war ich gewohnt, in einer direkten Demokratie für jedes Vorhaben eine Volksabstimmung zu bestehen. Das bedeutet viel Abstimmung und Kommunikation. Daher ist die Schweiz eine konsensorientierte Gesellschaft, in Diskussionen wird das Gemeinsame hervorgehoben. Hier in Berlin geht es in öffentlichen Diskussionen viel stärker darum, den Dissens und die Unterschiede hervor zu streichen.
Erst kürzlich erregten Ihre städtebaulichen Visionen für das alte Zentrum Berlins großes Aufsehen – einer der Entwürfe zeigt das Areal zwischen Fernsehturm und Rotem Rathaus als riesige Wasserfläche. Wie sollte eine geschichtsträchtige Stadt wie Berlin mit ihrem historischen Erbe umgehen?
Wie bereits erwähnt, muss man in Berlin polarisieren, um eine öffentliche Diskussion anzuregen. Die Bilder fürs Rathausforum waren alles, nur keine fertigen Entwürfe. Es sollen Visionen sein, um eine vertiefte Diskussion zum Wesen und der Sinnhaftigkeit, also der Bedeutung dieses Ortes für die Stadtgesellschaft auslösen. Zum Umgang mit der Geschichte. Gerade weil sich in Berlin sehr unterschiedliche Zeitschichten der Stadtbaukunst nebeneinander, ja geradezu ineinander verschachteln und insbesondere in der sog. Historischen Mitte viele Zeugen der mittelalterlichen Stadt neben den Bauten der Moderne und vor allem Nachkriegsmoderne aufeinander prallen, ist die Stadt so ein faszinierendes „Geschichtsbuch“. Daher müssen diese Spuren verständlich nebeneinander bestehen bleiben und nicht verwischt werden mit immer neuen Rekonstruktionen, die im schlimmsten Fall authentische Geschichte zerstören. Viel wichtiger scheint mir aber, dass versunkene Zeugen der mittelalterlichen Stadt nicht geflutet, sondern ausgegraben und zugänglich gemacht werden. Das Original ist und bleibt der beste Zeuge der Geschichte, weil das Original – und seien es „nur“ Keller oder Scherben – uns wirklich emotional Geschichte vermittelt. Berlin sollte in diesem Jahrhundert nicht der Versuchung verfallen, ungeliebte Zeitgeschichten mit einem historisierenden Kleid zu überziehen. Berlin zieht die Menschen an, weil Berlin seine Geschichte nicht verschweigt und seine Brüche nicht verdeckt.
Was würden Sie sagen, welches Bauvorhaben hat derzeit besondere Priorität und wo sollten sich entscheidende Akteure aus Wirtschaft und Politik dringend stärker engagieren? Wo braucht Berlin einfach Zeit
Berlin braucht große Dynamik und wirtschaftliches Engagement an der Heidestraße/Europacity. Dort ist ein herausragender Standort für eine vorbildliche nachhaltige Stadtentwicklung für attraktives Wohnen am Wasser, exzellente Dienstleistungs-Standorte am Bahnhof und zwischen Bayer Schering und Charité Raum für einen Standort der Gesundheitswirtschaft. Aber auch der Alexanderplatz und die City West werden sich weiterentwickeln müssen. Wichtig ist Tegel als zukünftiger Gewerbestandort. Zeit sollte man sich in Tempelhof nehmen, um dieses Filetstück nach den drei Leitaspekten zu einer möglichen 3. Internationalen Bauausstellung zu entwickeln: 1.) ressourceneffizient, 2.) partnerschaftlich solidarisch und 3. eigeninitiativ.
Sie gelten als Persönlichkeit des Dialogs für die unterschiedlichen Interessensgruppen. Wie können sich normale Bürgerinnen und Bürger inhaltlich in laufende Debatten einbringen?
Indem sie sich auf unseren Internetplattformen, Ausstellungen, öffentlichen Veranstaltungen informieren und in unseren Bürgerforen, Internetdialogen aktiv einbringen.
Ganz kurz – welche Vision haben Sie für das Berlin von morgen?
Berlin wird durch eine 3. IBA wieder an die Spitze der internationalen Städtebaudiskussion katapultiert. Berlin wird Modellstadt für die Europäische Metropole des 21. Jahrhunderts.
Eine grüne Stadt, eine saubere, gesunde Stadt, eine wirtschaftlich erfolgreiche Stadt, d. h. viele Landschaftsräume, Wohnraum, der energetisch saniert ist und erschwinglich, Wohnraum für Alte und Junge, eine Stadt, die Immigranten, Kreative, Kleinunternehmer, Wissenschaftler in wirtschaftliche Kreisläufe integriert und eine saubere Stadt, in der die Mobilität gerade auch für ältere Menschen gewährleistet ist.
Das Interview führte Ulrich Weigand, Urania Berlin
VITA
Regula Lüscher studierte an der ETH Zürich Architektur und war zunächst im eigenen Architekturbüro tätig. 1998 wechselte sie in das Amt für Städtebau der Stadt Zürich, und war dort von 2001 bis 2007 als stellvertretende Direktorin tätig. In dieser Zeit entwickelte sie unter anderem das Gewerbeareal Zürich West zu einem neuen Wohn- und Dienstleistungsviertel und das innovative Hochhaus „Prime Tower“. Seit dem 1. März 2007 ist Lüscher Senatsbaudirektorin im Range einer Staatssekretärin in Berlin, sie ist Nachfolgerin von Hans Stimmann. Lüscher gilt als moderne, umgängliche Planerin, die unterschiedlichste Anspruchsgruppen von Investoren bis zu Anwohnern und Lokalpolitikern in die Gebietsgestaltung einbinden will.
Die Termine der Reihe
immer 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei
13.09.10
Von Stillstand keine Spur – Berliner Stadtentwicklung von der Fischerinsel bis zur Europacity
20.10.10
Für mehr Qualität im Städtebau: Eine neue Bauausstellung für Berlin?
15.11.10
Verkehrsplanung in Berlin
19.01.11
Berliner Flughäfen: BBI kommt, was wird aus Tegel?
09.03.11
Neues Wohnen versus alte Mieter? Aufwertung von innerstädtischen Wohnquartieren und die Folgen
04.05.11
Berliner Visionen – Was wurde aus den Stadtentwicklungskonzepten der 90er Jahre?











