Interview des Monats

Prof. Dr. h.c. Kurt Masur

Prof. Dr. h.c. Kurt Masur
Preisträger der Urania-Medaille 2010

Am 23. April erhält der Stardirigent und große Humanist Kurt Masur die Urania-Medaille 2010 in Anerkennung seiner besonderen Verdienste für Demokratie und Freiheit in Deutschland und für sein außerordentliches künstlerisches Lebenswerk. Zur Festveranstaltung

Urania: Herr Masur, als Kind hatten Sie zwei besondere musikalische Hörerlebnisse: Bachs „Kunst der Fuge" und Beethovens Neunte. Was hat die Musik von Bach und Beethoven damals bei Ihnen ausgelöst? Wie hat sie Ihre Entwicklung geprägt?

Masur: Im Alter von 12 Jahren habe ich zum ersten Mal die „Kunst der Fuge“ auf der wunderbaren Barockorgel in meiner Heimatstadt Brieg gehört. Auch die Neunte hörte ich damals. Die Musik Bachs und Beethovens hat mich von Anfang an begleitet. Als Junge war ich sehr scheu und wurde oft unterschätzt. In einer Pause in der Schule hat mich ein Mitschüler gefragt, sag mal, du spielst ja so gut Klavier, zeig doch mal. Im Klassenzimmer stand ein Klavier – ich fing an zu spielen und die anderen fingen an dazu zu tanzen. Der Lehrer kam herein und war ganz durcheinander! Was du spielst Klavier? Auf einmal errang ich einen Achtungserfolg bei Leuten, die mich vorher unterschätzt hatten.

Als Jugendlicher hatten Sie immer das Ziel vor Augen, Organist zu werden. Wie kam es dazu, dass Sie später eine Laufbahn als Dirigent einschlugen?

Zunächst studierte ich in Brieg und Breslau Klavier. Als ich 16 Jahre alt war, stellte ein Arzt fest, dass ich eine Neigung zur Sehnenverkürzung in beiden Händen hatte und weder Organist noch Instrumentalist werden konnte. Zur gleichen Zeit hörte ich in Breslau mein erstes Symphoniekonzert, es war „Die Neunte“. Und dabei habe ich festgestellt, Dirigieren könntest du ja und habe in der Folgezeit alles unternommen, um dazu fähig zu werden.

In Leipzig studierten Sie später Klavier, Komposition und Orchesterleitung. Wie war Ihre Lebenssituation im Leipzig der Nachkriegszeit?

Es wurde einem auch damals nichts geschenkt. Zwar kostete das Studium damals kein Geld, aber weil mein Vater Ingenieur war, gehörte ich in der DDR nicht zu den Förderungswürdigen. Ich und meine Familie mussten selbst für meinen Unterhalt aufkommen. So habe ich mir mit dem Klavierspiel in Tanzschulen Geld verdient. Aber auch diese Arbeit hatte etwas für sich: Ich traute mir dann mehr und mehr zu, eben auch mal Dinge zu machen, die ich nicht gelernt hatte. An der Hochschule hatte ich verschiedene Fächer belegt, natürlich Dirigieren; ein Gewandhaus-Cellist hat mir Unterricht gegeben; ich habe bei einem Solobratscher Kompositionsunterricht gehabt, im zweiten Orchester Violoncello und Pauken gespielt und auch Schlagzeug studiert.

In den Folgejahren verwirklichten Sie Ihren Wunsch und wurden als Dirigent immer erfolgreicher. 1970 wurden Sie schließlich als Leiter des bedeutenden Gewandhausorchesters berufen.

Als Leiter des Gewandhausorchesters trug ich die Verantwortung sowohl in Konzerten als auch in der Oper und in der Thomaskirche. Diese drei ganz unterschiedlichen Wirkungsstätten haben meine eigene Erfahrung zusätzlich bereichert und gaben dem Orchester natürlich auch seinen unverwechselbaren Charakter. Dazu kam, dass ich bereits als junger Dirigent mit vielen erfahrenen Musikern der Leipziger Schule studiert und gearbeitet hatte. Das gab einen Zusammenhalt, der mich auch innerlich sicher gemacht hat. Es gab nicht den Konkurrenzkampf nach draußen, man musste einfach nur gut genug sein, um weiter zu kommen.

In den Auseinandersetzungen um die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989, tausende Menschen waren auf den Straßen unterwegs, wandten Sie sich über Radioansprachen an die Bürger für Gewaltlosigkeit. In der Folgezeit öffneten Sie das Gewandhaus für politische Diskussionen. Was führte dazu, dass Sie sich politisch engagierten und wie sehen Sie heute Ihre Rolle im Herbst 1989?

Die Position des Gewandhausorchesters in Leipzig war schon damals einmalig. Was seinerzeit bei den Demonstrationen geschehen ist, die friedlichen Kundgebungen; das Gewandhaus als Ort für politische Diskussionen, all dies war nur dadurch erklärbar, weil die Menschen dem Gewandhausorchester, dem Gewandhaus als Institution vertraut haben. Als Leiter des Gewandhauses fühlte ich mich auf besondere Weise zum Handeln verpflichtet. Ich stand dieser angesehenen Institution vor, kannte die entscheidenden Persönlichkeiten der Stadt. Die Menschen, darunter natürlich auch Angehörige der Partei, waren stolz auf das Gewandhausorchester und daran interessiert, dass es seinen internationalen Ruf behalten würde. Deswegen empfand ich es als ganz natürlich, am Abend des 9. Oktobers zu handeln.

Hatten Sie damals eine Ahnung, dass der Gesellschaft in der DDR Reformen oder sogar ein radikaler Wandel bevorstehen könnte?

Überhaupt nicht. Es war erstaunlich, wie die friedlichen Montagsdemonstrationen in wenigen Wochen auf hunderttausende Leipziger Bürger anwuchsen. Hier hatten die Menschen wirklich Mut. Meine Hochachtung vor den Menschen in Leipzig ist damals unermesslich gestiegen.

Heute arbeiten Sie in verschiedenen Positionen mit mehreren  Weltorchestern zusammen. Wie gelingt es unterschiedlichste Profi-Musiker zu führen und den Orchestern Ihre musikalischen Absichten zu vermitteln?

Ich habe mit verschiedenen Orchestern in fast allen Teilen der Welt gearbeitet, man muss begreifen, wie und unter welchen Bedingungen diese Orchester arbeiten und sich dann auch entsprechend verhalten. Man muss Vertrauen schaffen.

In den 90-er Jahren setzen Sie Ihre Weltkarriere fort und brachten die führenden Orchester von New York, London und Paris zu neuem Ruhm. In Meisterkursen bilden Sie heute junge Dirigenten aus. Was möchten Sie dem Nachwuchs unbedingt vermitteln?

Das Entscheidende für mich ist, dass meine Schüler eine Verantwortung für den Komponisten haben, dass sie lernen, die Ideen des Komponisten zu verwirklichen, und nicht nur ihre eigenen in den Mittelpunkt zu stellen. Jeder der großen Komponisten hat eine eigene Lebensphilosophie und man muss lernen zu begreifen, dass eine Interpretation für die Zuhörer den gleichen Sinn ergibt wie die Botschaft des Komponisten.

Mit 82 Jahren sind Sie unglaublich aktiv, berufsbedingt einen Großteil des Jahres auf Reisen und gleich in mehreren Metropolen zuhause. Was gibt Ihnen den Antrieb für Ihr unglaubliches Engagement für die Weltkultur? Welche Projekte liegen Ihnen besonders am Herzen?

Es treibt mich nicht der Ehrgeiz, sondern es treibt mich wirklich ein Verantwortungsgefühl. Angefangen habe ich mit einer Meisterklasse, da hatten wir vielleicht so 15, 16 Bewerber, jetzt in New York haben sich 106 gemeldet, die unterrichtet werden wollen. In Bonn sind es wieder über 100 und das ist eine geradezu unglaubliche Zahl und ein unglaubliches Interesse. Sie wissen bei mir, dass sie nicht lernen den Star zu spielen, sondern sie lernen bei mir als Musiker zu wachsen. Die Arbeit mit diesen begabten jungen Leuten ist vielleicht mit das Sinnvollste, was man im Alter machen kann. Dass man die Erfahrungen und die Einsichten aber auch die Kenntnisse weitergibt.

Ein weiteres wesentliches Anliegen ist mir die musische Jugenderziehung in Deutschland. Wir singen zu wenig. Gesang und Musizieren sind im Alltag junger Menschen selten geworden. Ich engagiere mich in Projekten dafür, dass Kinder die Freude am gemeinsamen Singen und Musizieren kennen lernen. Es geht darum zu spüren und zu erfahren, wie Musik das eigene Leben schöner und reicher machen kann. Wenn Mütter wüssten, dass sie ihr Kind allein dadurch glücklich machen können, indem sie ab und zu singen, würden sie es öfter tun.

Das Interview führte Ulrich Weigand, Urania Berlin.

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VITA

Prof. Dr. h.c. Kurt Masur wurde 1927 in Brieg, nahe Breslau, geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er in Leipzig Klavier, Komposition und Orchesterleitung. Dirigentenstellen in Halle, Erfurt und Dresden, Berlin führten ihn 1970 bis 1996 als Gewandhauskapellmeister nach Leipzig. Diese Position bedeutete mehr als irgendeine andere in der Welt. Man machte damals den Scherz: „Es gibt viele Generalmusikdirektoren, aber nur einen Gewandhauskapellmeister!“ Masur brachte das Spitzenorchester wieder zu Weltruhm. Von 1991 bis 2002 wirkte er als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra. Von 2000 bis 2007 war er Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra. Von 2002 bis 2008 war er Musikdirektor des Orchestre National de France in Paris. Heute ist Prof. Masur Ehrenmusikdirektor auf Lebenszeit des Orchestre National de France, Music Director Emeritus des New York Philharmonic Orchestra, Ehrendirigent des Gewandhausorchesters Leipzig und Gastdirigent auf Lebenszeit des Israel Philharmonic Orchestra.

In den Auseinandersetzungen um die Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig wirkte er mäßigend auf die Leipziger Bürger und die Staatsgewalt, engagierte sich für Gewaltlosigkeit und gab das Gewandhaus für politische Diskussionen frei. Mit fünf anderen Prominenten veröffentlichte er im November 1989 die „Leipziger Postulate", eine programmatische Grundlage für eine „Demokratische Republik Deutschland". Zeitweilig war er als DDR-Staatspräsident, 1993 als Bundespräsident im Gespräch. Kurt Masur ist mit der japanischen Sopranistin Tomoko Sakurai verheiratet und hat erwachsene Kinder und Enkelkinder.

Weiterführende Informationen zu Kurt Masur finden Sie auch unter www.kurtmasur.com.


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