Interview mit Wolfgang Thierse


Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse

Die Oppositionsbewegung in der DDR

Im Rahmen der Urania-Reihe „20 Jahre Mauerfall“ spricht Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse am 05.11.2009 um 19.30 Uhr in der Urania Berlin. Im Gespräch mit Alfred Eichhorn von rbb-Inforadio behandelt er Entstehung und Erfolg der Oppositionsbewegung in der DDR. Im Urania-Interview berichtet er u.a. über das Wendejahr 1989.

Urania: Herr Thierse, scheinbar ungerührt bereitete die DDR-Regierung das 40-jährige Gründungsjubiläum der DDR im Oktober 1989 vor, parallel trauten sich plötzlich Hunderttausende auf die Straßen, gründeten zahlreiche neue Organisationen… wie haben Sie diese Phase erlebt?

Es war eine wahrlich schizophrene Situation: Am 7. Oktober fanden im Palast der Republik byzantinische Feiern zum Tag der Republik statt und draußen demonstrierten Tausende. Die einen fassten Mut, die anderen ihre Gummiknüppel. Viele hatten Angst und riefen umso entschlossener: „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“. Die Staatsmächtigen waren entschlossen, den Status quo zu verteidigen, wussten aber am Schluss nicht wie, weil kein Schießbefehl aus Moskau eintraf. So ereignete sich eine friedliche Revolution, die zugleich auch ein wirtschaftlicher und moralischer Zusammenbruch war. Wir hatten unendlich viel Glück!

1989 engagierten Sie sich bei der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum, kurze Zeit darauf traten Sie in die SPD (zunächst SDP) ein. Welche Möglichkeiten versprachen Sie sich damals von diesem Engagement?

Es reicht in revolutionärer Zeit nicht, immer wieder neu und also endlos zu debattieren, sondern man muss die Frage nach der Macht stellen: Die SDP-Gründung war eine radikale Infragestellung der absoluten SED-Macht! Es musste um demokratische Wahlen gehen, zu der alternative Parteien antraten.

Wie bewerten Sie das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen heute, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer?

Besser als das allgemeine Gerede vermuten lässt, aber schlechter als wünschenswert.

In den Medien wurde Ihnen vorgeworfen, die Geschichte der DDR zu verharmlosen...

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Mir geht es um eine genaue, differenzierte Bewertung der DDR-Geschichte – jenseits sowohl von Verteufelungen wie von Beschönigungen.

Wie könnte die Zukunft des wiedervereinigten Deutschlands 2019 aussehen, was wünschen Sie sich?

2019 könnten doch die Unterschiede zwischen Ost und West so sein wie z. B. zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg. Das wäre doch was.

Das Interview führte Ulrich Weigand, Urania Berlin.

VITA

Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Jahrgang 1943, lernte Schriftsetzer und studierte Germanistik und Kulturwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität. In den Jahren vor der Wende war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im DDR-Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Bis dahin parteilos, engagierte er sich ab Oktober 1989 zunächst in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum und ab Anfang Januar 1990 zur SDP. Seit 1990 ist er Mitglied des Bundestages. 1990 bis 2005 war er stellvertretender Vorsitzender der SPD, zudem 1990 bis 1998 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion und von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages. Seit Oktober 2005 ist Wolfgang Thierse Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Zur Urania-Reihe „20 Jahre Mauerfall“
Bis Herbst 2010 werden Ursachen, Verlauf und Folgen der Zeitenwende 1989/90 mit ausgewiesenen Wissenschaftlern und politischen Akteuren in Vorträgen und Gesprächen analysiert. Weitere Themen sind: „Der Mauerfall in Berlin“ mit Walter Momper (24.11.), „War die DDR reformierbar?“ mit dem Bürgerrechtler Wolfgang Templin (01.12.) und „Ein Leben für Freiheit und Gerechtigkeit“ mit Joachim Gauck (15.12.); jeweils 19.30 Uhr. 2010 folgen weitere Veranstaltungen u.a. mit Marianne Birthler, Gregor Gysi, Manfred Stolpe und dem letzten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière. Siehe www.urania.de/mauerfall

 


 

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