Das Klima und Corona – welche Zusammenhänge gibt es?

Interview
17.04.2020 -

Prof. Dr. Uwe Ulbrich, FU Berlin im Gespräch mit Cornelia Jentzsch, Programmleiterin der Urania

Prof. Dr. Uwe Ulbrich arbeitet am Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Er ist Leiter der AG Klimadiagnostik und meteorologische Extremereignisse sowie Dekan des Fachbereichs Geowissenschaften.

 

URANIA:              An welcher Schnittstelle haben ein kleiner, mit bloßem Auge nicht sichtbarer Virus und das weltweite Wetter- und Klimageschehen miteinander zu tun?

ULBRICH:           Es gibt tatsächlich potentielle und klar erkennbare Schnittstellen. Als erstes fragt man sich natürlich, wie sich das Wetter auf das Virus und seine Verbreitung selbst auswirkt. Darüber ist nach meinem Kenntnisstand noch zu wenig bekannt. Die typischen Grippewellen treten jeweils im Winter auf. Das hängt unter anderem mit der Empfindlichkeit der entsprechenden Viren gegenüber Sommerwetter zusammen. Dazu können noch Faktoren wie eine jahreszeitlich unterschiedlich ausgeprägte Resistenz des menschlichen Körpers gegen die Infektion und die unterschiedliche Häufigkeit von Übertragungssituationen kommen. Für das Coronavirus weiß man allerdings, dass es auch in heißen Klimaten zu Infektionen geführt hat. Trotzdem gibt es die Hoffnung, dass die Infektionszahlen auch für dieses Virus im Sommer zurückgehen. Dies schließt keineswegs aus, dass die Verbreitung dann zum Winter hin wieder zunimmt.

Der Effekt des Virus auf das Wetter ist dagegen weniger relevant. Einerseits gehen als Folge der Wirkung der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft die Emissionen von Schadstoffen und Treibhausgasen zurück, was eine gewisse (wenn auch kleine) positive Wirkung hinsichtlich des Klimawandels hat. Andererseits nimmt die Zahl der Beobachtungen des aktuellen Wetterzustands wegen der geringeren Zahl an Wettermeldungen der Flugzeuge ab. Dies kann unser Wissen über den aktuellen Zustand des Wetters etwas einschränken, und daher letztlich Wettervorhersagen ein klein wenig verschlechtern. Allerdings stehen die weitaus meisten Daten weiterhin zur Verfügung, insbesondere solche von Satelliten, Wetterballons und Bodenstationen. Somit sollte die Wirkung auf die Wettervorhersagen klein sein.

URANIA:              Derzeit freuen sich vor allem viele Großstädter – von Berlin über Peking bis New York – über saubere Luft. In Venedig hat sich das Wasser in den Kanälen aufgeklart. Der zurückgegangene LKW- und PKW-Verkehr auf den Straßen, der eingeschränkte Schiffs- und Bootsverkehr, geparkte Flugzeuge, heruntergefahrene Kraftwerke, teilgeschlossene Firmen – das alles macht sich in der Umwelt bemerkbar. Wird es aber einen nachhaltigen Effekt auf unser Klima geben?

ULBRICH:           Zunächst gibt es den sichtbaren Effekt. Dazu gehören die sauberere Luft, der zurückgehende Lärm und die geringere Zahl an Kondensstreifen von Flugzeugen. Was das Klima angeht, sind sowohl die zurückgehenden Schadstoffe wie auch die geringeren Emissionen von Treibhausgasen besonders wichtig. Dabei wirken sich die geringeren Mengen an Schwebstoffen in der Luft sehr kurzfristig aus. Sie können zu einer Temperaturerhöhung beitragen, was man im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung natürlich nicht so gerne möchte. Wichtiger ist allerdings, dass sich dort, wo die Schadstoffkonzentrationen zurückgehen, die Lebensbedingungen für die Menschen verbessern.
Was das Kohlendioxid und damit das den Temperaturanstieg langfristig befördernde Treibhausgas angeht, ist die Situation anders. Es kommt etwas weniger CO2 dazu, aber wegen der langen Zeit, die das Gas in der Atmosphäre bleibt, ist sogar mit einer weiteren Zunahme der Konzentrationen zu rechnen, trotz des „Shutdown“, denn es werden ja weiterhin fossile Brennstoffe genutzt. Somit gibt es, wie bereits bei der Wirtschaftskrise im Jahr 2008, voraussichtlich eine kurzzeitig verlangsamte Zunahme an Treibhausgasen, aber nicht notwendig einen größeren, nachhaltigen Effekt. 

 

URANIA:             Es ist zu vermuten, dass nach dem Ende der Corona-Pandemie weltweit die Wirtschaften nicht nur wieder hochgefahren, sondern sogar noch beschleunigt werden, um das Verlorene aufzuholen. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, sagt: "Nach der Krise sind diese Emissionen wieder da." Was wären Ihre Forderungen und Prognosen?

ULBRICH:           Ich gehe auch davon aus, dass die meisten Emissionen wieder Fahrt aufnehmen, aber vielleicht doch nicht so schnell die Werte erreichen, die man ohne die aktuelle Krise erwartet hätte. Im Endeffekt negativ wäre eine langanhaltende Wirtschaftskrise, die zwar gut für das Klima, nicht aber für die Menschen wäre. Ein Umstieg auf klimafreundlicheres Handeln, durch die Krisenerfahrungen unterstützt, wäre besser. Man erlebt jetzt, dass man vieles auch virtuell erledigen kann, so könnte man zum Beispiel künftig die Zahl der Dienstreisen verringern. Wobei die aktuelle Erfahrung auch lehrt, dass persönliche Kontakte eben doch ein Wert sind, den man nicht ganz missen möchte. Der Online-Handel und die Erwartungen an Verfügbarkeit und prompte Lieferung von Waren werden wahrscheinlich weiter zunehmen. Dies kann sogar negative Auswirkungen auf das Klima haben, wenn in noch größerem Umfang eine individuelle Herstellung und Transport die Emissionen erhöhen. Auch die Erfahrung, dass man öffentliche Verkehrsmittel wegen der Infektionsgefahr meidet und besser individuell unterwegs ist, würde ich auf der potentiell ungünstigen Seite aufführen. Insgesamt ist also durchaus nicht sicher, dass sich die Krise langfristig positiv auf das Klima auswirkt.  

 

URANIA:             Welche Rolle spielt neben unserem veränderten Verhalten auch das Wetter – also Wind, Temperatur, Luftddruck u.a. – bei allen Klima- und Luftverschmutzungs-Szenarien? Ute Dauert, Fachgebietsleiterin beim Umweltbundesamt, erklärte, dass wir die tatsächlichen Corona-Effekt auf die Luftverschmutzung erst nach einem größeren Zeitraum seriös werden messen können.

ULBRICH:           Geringere Emissionen von Schadstoffen sind natürlich erst einmal positiv für Gesundheit und Klima. Es gibt aber Emissionsquellen, die durch Corona nicht oder nicht wesentlich verändert werden, wie zum Beispiel Emissionen aus der Landwirtschaft. Zudem gibt es komplexe Effekte, die eigentlich günstige Entwicklungen in lokal ungünstige verwandeln. Ein Beispiel sind die Stickoxide, die bei hohen Konzentrationswerten die Bildung von schädlichem bodennahem Ozon verhindern, bei niedrigen Werten diese aber befördern. Insgesamt kann es aber keinen Zweifel geben, dass niedrige Luftverschmutzungswerte etwas Positives sind.

 

URANIA:              Klimaexperten warnen auch deshalb vor negativen Folgen der Epidemie auf das Klima, weil durch die Fokussierung auf die Corona derzeit einerseits Umweltschutzbelange von der politischen Agenda verdrängt werden. Andererseits wird vielen Unternehmen durch wirtschaftliche Einbußen das Investitionsgeld für zukünftige umweltschonende Technologien in der Produktion fehlen. Was ist Ihre Meinung dazu?

ULBRICH:           Ich sehe durchaus auch Risiken für Umweltschutzbelange, die durch die Corona-Krise größer werden können. Dazu gehört die Erfahrung, dass man nur im Individualverkehr eine sichere Transportmöglichkeit hat, nicht aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dazu gehört weiterhin die Steigerung des Online-Handels, der zumindest potentiell zu individualisierter Bestellung und damit zu weniger effizienter Warenverteilung führen kann. Der Umweltgedanke kann dadurch aber meiner Meinung nach nicht langfristig geschmälert werden. Die Frage, wie man aus der wirtschaftlichen Krise herauskommt und gleichzeitig für Investitionen in umweltfreundliche Technologien sorgt, ist eine zentrale Aufgabe für die Politik.

 

URANIA:             Auch die Pest war eine verheerende Epidemie, allerdings keine Pandemie wie wir sie heute erleben und auch in einer Zeit noch unvernetzten globalen Wirtschaftens. Das Klima war zudem damals noch kaum ein Thema. Können wir uns, was Klima und Umwelt betrifft, auf jetzt nutzbare Erfahrungen aus zurückliegenden Zeiten stützen?

ULBRICH:           Ja, nämlich insoweit, als man einen langen Atem braucht, um die Risiken von Pandemien zu verringern. Kurzzeitige Maßnahmen sind wichtig, aber die Reaktion auf die Frage, wie man die Anfälligkeit gegenüber solchen Infektionen verringert, muss langfristig angelegt sein. Ich vergleiche die Pandemie eher mit der Ausbreitung von Computerviren. Hier kann man das Risiko für schwerwiegende Folgen auch nur durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen verringern, ohne verhindern zu können, dass es doch im Einzelfall zu erheblichen Schäden kommt. Im Gegensatz zu Computerviren sind Krankheitsviren wie Corona natürlichen Ursprungs und nicht speziell von Menschen mit dem Ziel entwickelt, Vorsichtsmaßnahmen auszuhebeln und größtmöglichen Schaden anzurichten. Man kann nur hoffen, dass das so bleibt.

 

URANIA:              Eine vielleicht provokante Frage: Geht der Mensch zu stark von statischen statt von wandelbaren Verhältnissen aus? Besitzen nicht Lebewesen generell eine gewisse Anpassungsfähigkeit, die wir miteinberechnen und nutzen sollten, anstatt permanent in einen Krisenmodus zu verfallen?

ULBRICH:           Natürlich geht der Mensch von seinen bisherigen Erfahrungen aus, und nimmt diese bis zum Beweis des Gegenteils als langfristig gültig an. Das fängt schon mit dem eigenen Körper an, der Krankheitsbekämpfung erst über das Durchstehen von Krankheiten lernt. Glücklicherweise gibt es ja inzwischen Impfungen, die sicherstellen, dass dieses Lernen nicht über schwere Krisen erfolgen muss. Entsprechendes gilt für die Umwelterfahrung. Vorsorgemaßnahmen gegen Naturgefahren werden oft anhand von Aufzeichnungen aus der Vergangenheit ausgerichtet. Das bedeutet, dass man eine begrenzte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Krisensituation in Kauf nimmt, denn komplett ausschließen kann man eine solche in der Regel nicht. Wenn sich aber die Grundlagen für diese Situationen verändern, beispielsweise durch den Klimawandel, funktioniert der alleinige Blick auf die Vergangenheit nicht mehr. Dann ist es nötig, Vorsorgemaßnahmen auf Grundlage von Vorhersagen und Szenarien zu entwickeln. Dies können und sollten wir also auch tun.

 

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