Die Erde regenerieren

Artikel
07.05.2020 - Ute Scheub

Aufbauende Landwirtschaft hat das Potenzial, die Klimakrise auf ein verträgliches Maß zu bringen und die Welternährung zu sichern 

 

Klimarettung könnte so einfach sein: In der Luft gibt es in Form von Kohlendioxid zu viel Kohlenstoff und im Boden zu wenig – also geht es darum, ihn in die Erde zurückzubringen. Das hätte auch den Dürresommer 2018 weniger katastrophal ausfallen lassen. In den letzten 100 Jahren verloren die globalen Böden massiv Humus, der vor allem aus abgestorbenen Organismen und organischem Kohlenstoff besteht.

Agroindustrielle Techniken wie tiefes Pflügen, Chemiedünger und Pestizide führen dazu, dass Bodenleben stirbt und Kohlenstoff freigesetzt wird, der an der Luft zu CO2 oxidiert. Früher lag der natürliche Humusanteil noch bei 5 bis 10 Prozent, heute meist nur noch bei 1 bis 2 – beinahe schon „Wüstenböden“ nach der Einstufung der Welternährungsorganisation FAO.

Die Abbauraten fruchtbaren Bodens sind bis zu 100-mal mal größer als die Erneuerungsrate. Britische Forscher warnen bereits, es gäbe nur noch „Boden für 60 bis 100 Ernten“. Die Treibhausgase der Agroindustrie sind hauptverantwortlich für die Erderhitzung – die der Pestizid- und Chemiedünger-Hersteller, Massentierhalter, Lebensmittelkonzerne, Landmaschinenbauer, Monokulturisten. Entwaldung, Transport und Lebensmittelverschwendung eingerechnet, machen sie laut einer Studie von „Grain“ 38 bis 57 Prozent der globalen Emissionen aus.

Schwere Maschinen verdichten den Boden, sodass Lachgas freigesetzt wird, 300-mal klimaschädlicher als CO2. Massentierhaltung erzeugt Methan, 25-mal schlimmer als CO2. Das „Institut für Welternährung“ vermeldete im Juli, die Fleisch- und Milchkonzerne JBS, Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers hätten als Brandstifter am Weltklima inzwischen sogar die größten Ölkonzerne überholt.

Wie bringt man Kohlenstoff aus dem CO2 zurück in die Erde? Durch Humusaufbau – enorm wichtig für Bodenfruchtbarkeit, sichere Ernten und gesunde Lebensmittel. Pro Hektar speichert 1 Prozent mehr Humus umgerechnet 100 Tonnen CO2 in Form von Kohlenstoff, 52.000 Liter Wasser sowie viele Nährstoffe. Humose Böden trotzen Dürrezeiten und Überschwemmungen, indem sie in Bodenporen riesige Mengen Wasser aufnehmen. Das wäre in diesem Dürre- und Flutsommer dringend nötig gewesen. Und sie könnten die Erderhitzung entscheidend abmildern: 1 Prozent mehr Humus auf den globalen Böden könnte laut dem US-„Bodenpapst“ Rattan Lal und anderen Forschern den CO2-Anteil in der Luft auf ein weitgehend ungefährliches Maß bringen. 

Dafür hat sich 2015 ein Bündnis aus Biobauern, Aktivistinnen, Journalisten, Konsumentinnen und Forschern aus über 100 Ländern gegründet: www.regenerationinternational.org. Seine Vision ist „ein gesundes globales Ökosystem“, das „den Planeten kühlt, die Welt ernährt, die öffentliche Gesundheit, Prosperität und Frieden fördert“. Eine erste Aktivität war die Unterstützung der deutsch-französischen Humusaufbau-Initiative 4p1000, die Frankreichs Agrarminister beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 vorstellte. Der Name verdeutlicht, dass ein jährlicher globaler Humusaufbau von nur 4 Promille genügen würde, um alle neuen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt unterschrieb die Initiative in Paris, tat aber rein gar nichts für ihre Umsetzung; es gibt nicht mal eine deutsche Übersetzung der Website www.4p1000.org. „Regenerative Agrikultur“ ist mehr als „Bio“: Sie unterstützt aktiv die ungeheuren Regenerationskräfte der Natur, belebt die Artenvielfalt und entlastet das Klima. Manche reden auch von „ressourcenaufbauender“ oder „klimapositiver Landwirtschaft“.

Biobauer Sepp Braun, der in Freising eine vorbildliche Humusfarm betreibt, definiert das Konzept so: „den Menschen vom Schädling wieder zum Nützling machen“. Weltweit gibt es dafür unzählige Beispiele – von klein bis groß. Viele Projekte und Höfe arbeiten mit Permakultur, Pflanzenkohle und Terra Preta, Agroforstsystemen, Waldgärten und -weiden, regenerativen Weidesystemen, Bodenbedeckung, Gründüngung, Zwischensaaten, Fruchtfolgen, Mischkulturen und Wasserrückhaltung. Die Permakulturfarm Bec Hellouin in der Normandie etwa ist laut einer Studie der Pariser Universität 10-mal so produktiv wie ein konventioneller Betrieb. Das „Ithaka-Forschungsinstitut“ betreibt „klimapositive Landwirtschaft“ im Schweizer Wallis und in Waldgärten in Nepal, Bangladesch und anderswo, indem es Pflanzenkohle einsetzt, die der Atmosphäre pro Kilo etwa 3 Kilo CO2 entzogen hat. Die US-„Soil Carbon Cowboys“ arbeiten mit „holistischem Weidemanagement“: Ihre Herden grasen ständig woanders, auf ihren Weiden gedeihen Leguminosen und Präriegräser mit bis zu 14 Meter langen Wurzeln, die als Stickstoffsammler und „Kohlenstoffpumpen“ ins Erdreich dienen. 

Regenerative Energien machten die Energiewende möglich. Regenerative Agrikultur könnte die Klimakrise entscheidend abmildern und die Welternährung sichern. Sie bedarf „nur“ einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die den nötigen Änderungsdruck auf Agroindustrie und Politik ausübt. (Mehr unter www.humusrevolution.de)

 

Ute Scheub, Autorin zahlreicher Sachbücher zu den Themen Frieden, Frauen und Ökologie, u.a. „Beschissatlas“, „Heldendämmerung“, „Das falsche Leben“ und (zusammen mit Stefan Schwarzer) „Die Humusrevolution“.

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