Ein klarer Fall von E-Immobilität

Essay
03.07.2019 - Nicolas Flessa

Berlin hat einen neuen Trend: E-Mobilität. Und wie es sich für eine Stadt gehört, die zu 86% aus Mietwohnungen besteht, gilt auch hier: Benutzungsgebühr schlägt Kauf. Doch das geht nicht nur ins Geld, sondern gelegentlich auch auf die Nerven.

Die Zeiten, da Berlin die drittgrößte Stadt der Welt war, sind lange vorbei. Fast 100 Jahre, um genau zu sein. Am 1. Oktober 1920 rückte es mit der Eingemeindung von 6 Nachbarstädten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken an die Spitze der bevölkerungsreichsten Städte der Welt – gleich nach London und New York. Längst heißen die globalen Spitzenreiter Tokio und Jakarta – und die drittgrößte Stadt der Welt, das indische Delhi, benötigt für diese Position rund sieben Mal so viele Einwohner wie anno dazumal „Groß-Berlin“ – das seither kaum gewachsen ist.

Der Trend zur Verstädterung, der sich in diesen Zahlen zeigt, ist kaum aufzuhalten. Umso dringlicher stellt sich die Frage, wie sich all jene, die es Jahr für Jahr entweder dauerhaft oder für einen temporären Arbeitsplatz in unsere Städte zieht, durch eben diese Räume bewegen möchten. In Städten kommt der Besitz eines eigenen Autos aus Kosten- wie aus Klimagründen zunehmend aus der Mode und scheint, ähnlich wie der Verzehr von Fleisch oder Beziehungsanbahnung im analogen Raum, zu einem Markenzeichen ländlicher Regionen zu werden. Für jeden, der einmal mit eigenen Augen den Berufsstand der Pusher in der Metro von Tokio in Aktion erlebt hat, stellen öffentliche Verkehrsmittel nur bedingt eine erstrebenswerte Alternative dar. 

Das Zauberwort der Verkehrsindividualisten, die sich nicht mit einem Fahrrad begnügen möchten, lautet daher: Sharing. Neben dem bekannten Carsharing, bei dem sich mehrere Einzelpersonen den Besitz eines eigenen Kraftfahrzeugs teilen, umfasst das auch die temporäre Benutzung kommerzieller Leihfahrzeuge, vom Auto über die Vespa bis hin zum E-Bike oder Fahrrad. Zahlreiche Anbieter sind auf diesen Trend aufgesprungen und verwandeln die Berliner Straßen derzeit in ein globales Versuchsgelände hemmungslos-hedonistischer E-Mobilität. Galt Fahrrad gegen Auto lange Zeit als wichtigste Positionierung im Berliner Straßenkampf, sorgen Roller, Scooter und E-Bikes inzwischen für einen heiteren Vielfrontenkrieg.

Passend zur Erforschung dieses Trends beging mein geliebtes Auto Anfang dieses Frühjahrs Selbstmord. Nachdem ich seine sterblichen Überreste an einen skrupellosen Gebrauchtwagenhändler übergeben hatte, beschloss ich, mir anstelle eines neuen Wagens ein Dutzend bunter Apps zu besorgen, die mich – klimaneutral und unverbindlich – ebenso sicher von A nach B bringen würden. Gesagt – getan. Die überraschendste Erfahrung, die ich seit meiner ersten Mietfahrt machen durfte, ist: E-Mobilität macht Spaß – vor allem, wenn die regelmäßige Aufladung der Akkus und die vergleichbar kurzen Reichweiten dank ständig wechselnder Geräte und innerstädtischer Distanzen keine wirkliche Rolle spielen. 

Als Autofahrer nervte mich am öffentlichen Nahverkehr eine ganze Reihe von Dingen: der lange Laufweg zur Haltestelle, die zahlreichen (für mich zeitraubenden) Zwischenhalte, der Zwang umzusteigen und die Herausforderung, schwere oder gar große Gegenstände zu transportieren, die ich bislang einfach auf die Rückbank gestellt hatte. Nach acht Wochen E-Bike, E-Scooter und E-Roller darf ich festhalten: Weder der erste noch der letzte Punkt werden durch die neuen Technologien gelöst; zu lange laufe ich auf der Suche nach möglichen Gefährten durch die Straßen meines Viertels, die häufig rund 2 km entfernt und dann nicht selten defekt oder gar nicht vorhanden sind. Vom Transport von Bücherkisten oder schweren Koffern auf einer Vespa ganz zu schweigen.

Auch wer meint, Umsteigen sei eine Spezialität des öffentlichen Nahverkehrs, outet sich in Punkto E-Sharing als fachfremder Träumer. Nicht nur, dass ich zuweilen entnervt ein Fahrrad miete, um zum nächsten E-Bike zu kommen: Dieses darf ich, führt mich mein Weg etwa bis Charlottenburg, dann häufig gar nicht abstellen; Stichwort: erlaubter Parkbereich. „Wenn du das E-Bike außerhalb dieses Bereichs abstellst, fallen zusätzliche Gebühren an.“ Gebühren, die eher einem saftigen Knöllchen ähneln als einem freiwillig gezogenen Ticket. 

Den Höhepunkt des Nicht-Parkenkönnens aber erlebte ich letzte Woche. Mit einer Vespa fuhr ich zu einem Freund, der mich zum Grillen eingeladen hatte. Nicht in Brandenburg an der Havel, sondern in Tempelhof, weithin bekannt als Ur-Berliner Bezirk, zumindest seit 1920. Nicht für meinen Verleiher, der den Versuch, die Miete zu beenden, empört von sich wies. Die einzige Alternative zu einem Mietpreis im dreistelligen Bereich sah vor, die Vespa zurück bis fast zu meinem Ausgangspunkt zu bringen und mich von dort dann wieder auf den Weg zu machen. 

Von solchen Fällen der erzwungenen E-Immobilität abgesehen, hat diese Zeit des Mietens und des Cruisens durchaus seine Spuren hinterlassen. Fast widersinnig erscheint mir, und das nach 22 Jahren KfZ-Besitz, meine gar nicht so alte Überzeugung, man bräuchte ein eigenes Fahrzeug, um wirklich unabhängig mobil zu sein. Das Problem der relativ hohen Leihgebühren und der Bewegungs-Beschränkung bleibt bestehen; solange ein Ausflug zum Grillen oder gar vor die Tore der Stadt zum Stresstest für Kalender und Geldbeutel wird, bleibt der eigene PKW daher eine bedrohlich verlockende Alternative. 

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