Einheit aus Erinnerung - Überlegungen zur europäischen Integration

Artikel
25.10.2021 - Simon Strauß
Dr. Simon Strauß © Martin Walz

Woran denken wir, wenn von „Europa“ die Rede ist? Simon Strauß über die Unschärfe, die Fragilität, aber auch Unverzichtbarkeit eines verbindenden Ideals namens „Europa“.

Woran denken wir, wenn von „Europa“ die Rede ist? Die meisten werden wohl an Brüssel denken, an die Wirtschafts- und Währungsunion, den Schengen-Raum und einen gewaltigen Bürokratieapparat. Und unabhängig davon, ob man diese Errungenschaften kritisch sieht oder sie gegen ihre Angreifer in Schutz nimmt, man wird kaum den Gedanken los, dass Europa mehr ist als das. Das tritt recht deutlich hervor, wenn sich EU-Vertreter auf die „europäischen Werte“ berufen. Dabei stellt sich aber die Frage, was das eigentlich ist und was das kleine Wort „europäisch“ bedeutet, das da so selbstverständlich mitgesagt wird.

Vielleicht enthält die Frage selbst schon einen Teil der Antwort. Denn die eigene Identität zu befragen oder infrage zu stellen, zeigt schon vieles, das in meinen Augen zum europäischen Bewusstsein gehört. Denn ernsthaft nach Europa zu fragen heißt, sich einzugestehen, dass man einem schon bestehenden Gemeinschaftsprojekt gegenüber irgendwie verantwortlich ist oder, als Fragender, mindestens Anteil daran nimmt. Zweitens zeigt sich darin ein Bewusstsein für die Unschärfe, die Fragilität, aber auch Unverzichtbarkeit eines verbindenden Ideals namens „Europa“, das für EU-Kritiker ebenso ein Bezugspunkt sein kann wie für ihre Verteidiger. Im Akt der Frage zeigt sich also, dass Europa ein gemeinsames Projekt ist, das in eine gemeinsam erfahrene, teils durchlittene Vergangenheit zurückreicht – und von einem Geist belebt wird, der sich mit dem Bestehenden nicht zufriedengibt, sondern fragend in die Zukunft strebt. Europa ist auch: eine historisch gewachsene und für die Zukunft offene Geistes- und Bewusstseinsgemeinschaft.

Leider ist festzustellen, dass weder die geteilte Vergangenheit noch das Ideal eines zukünftigen Europa eine herausragende Rolle spielt für das derzeitige Selbstverständnis auch der EU. Insbesondere Kultur, als Ort der erinnernden, träumenden Auseinandersetzung mit diesen beiden Aspekten europäischen Selbstbewusstseins, spielt innerhalb der EU eine eher marginale Rolle. Die Fokussierung auf die marktabhängigen Kräfte allein kann nicht befördern, dass eine innere Bindung zu Europa wächst.

Zuallererst ist es an unserer Generation, neu zu begreifen, welches Glück die europäische Einigung bedeutet. Es geht darum, die leidvolle Vergangenheit zu erinnern, die diese Einigung forciert hat. Und ebenso ist der praktische und intellektuelle Mut der Menschen zu erinnern, die von der Idee einer sich selbst befragenden Gemeinschaft „Europa“ nicht abgelassen haben. Und es ist eben diese Idee, die durch den geschichtlichen Rückblick selbst neues Leben gewinnt und weitergedacht wird. Wo immer von Europa die Rede ist, geht es nicht nur ums Reden, sondern auch ums Zuhören, die Aufnahme bestehender Erfahrungen, und um den Streit darüber, in welchem Europa wir leben wollen. Handel und politische Macht finden sich weltweit, was aber Europa auszeichnet, ist seine Affinität zum Widerspruch.

Eben dieser Wiedererinnerung der europäischen Idee, der in ihr aufgehobenen Erfahrungen, Träume und eben auch Widersprüche, hat sich der Verein „Arbeit an Europa“ verschrieben. Gegründet am Abend der Brexit-Entscheidung im Juni 2016, hat er sich zum Ziel gesetzt, das Gespräch über die kulturelle Aura Europas zu bestärken. Neben den regelmäßig organisierten Denk- und Debattenwochenenden, initiierte der Verein 2018 das Zeitzeugenprojekt European Archive of Voices. In nahezu allen europäischen Staaten wurden Gespräche geführt, in denen engagierte Intellektuelle, Politiker und Künstler der Großelterngeneration von ihrem ihren Erfahrungen mit Europa erzählen.

Wir haben den Fokus auf auf repräsentative Persönlichkeiten und Träger von gesellschaftlicher Verantwortung gelegt, um beispielhafte europäische Lebensläufe zum Vorschein zu bringen. Die entstandenen Gespräche geben vielstimmige Auskunft über den Entstehens Prozess unserer ‚europäischen Selbstverständlichkeiten‘, vom Bildungsaustausch bis hin zur politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Aus den Gesprächen ist zu lernen, wie wenig selbstverständlich die Gegenwart unseres Europas ist – und wie viel weniger seine Zukunft. Eben deshalb gilt es, sich seine Geschichte in Erinnerung zu rufen und sich zu vergegenwärtigen. Damit wir weiterhin „zu unserem Glück vereint“ bleiben, wie es in einer der wenigen erhebenden Selbstbeschreibungen unserer Union heißt.

Zusammen mit der Urania will „Arbeit an Europa e.V.“ in regelmäßigen Abständen Diskussionstage zum Thema „Kultur und Politik“ mit jungen Europäerinnen und Europäern initiieren.

Simon Strauß ist Schriftsteller und Historiker. Sein Roman Sieben Nächte wurde 2017 mit dem Debütpreis des Lübecker Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Das Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins „Arbeit an Europa e.V.“ ist Initiator des europäischen Zeitzeugenprojekts „European Archive of Voices“ (Europäisches Archiv der Stimmen).

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