Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlich-keit

Essay
18.06.2018 - Sookee
© Eylul Aslan
© Eylul Aslan

Wie wollen wir zusammenleben? Angesichts der Debatten über Sexismus und Geschlechtergerechtigkeit muss diese Frage auch aus gender- und identitätspolitischer Perspektive betrachtet werden. Die Rapperin und Linguistin Sookee kommentiert die Gegenwart und entwickelt Visionen über die Zukunft der Geschlechterverhältnisse.

Der thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke bewirbt in seiner aktuellen Buchveröffentlichung traditionelle Geschlechterrollenbilder. Unter weiblichen Attributen versteht er Intuition, Sanftmut und Hingabe. Männlichkeit bringt er mit Wehrhaftigkeit, Weisheit und Führung in Verbindung. Alles keine schlechten Eigenschaften. Lediglich die erzkonservative Sortierung nach Geschlecht sollte auch noch die letzte Person, die sich bislang eher wenig mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit befasst hat, erkennen lassen, dass ein solches Verständnis im Jahre 2018 eher den Eindruck von Realsatire vermittelt.

Vor dem Gesetz sind Männer und Frauen gleichgestellt. In den Köpfen, auf dem Arbeitsmarkt, in medialen Repräsentationen, in entscheidungstragenden Positionen, in der Anerkennung von Kompetenz, in Hinblick auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, entlang von Schönheitsnormen, usw. leider nicht. Auch wenn Frauen beispielsweise im Volksmund nicht ganz so offensiv wie bei Höcke an den Herd verbannt werden, ewig dankbar dafür, ihrem Manne zu Diensten sein zu dürfen, sind sie gefühlt doch primär und mehrheitlich für reproduktive Aufgaben rund um Haushalt, Erziehung und Pflege im Privaten zuständig. Mütterliche Fürsorge heißt das dann etwa. Dafür gelten sie aber auch als das schöne Geschlecht, was aufs erste Hineinfühlen an ein Kompliment erinnert. Weniger charmant wirds dann, wenn sie wahlweise eben auch als das schwache Geschlecht gelten. Interessanterweise gibts diese Variante beim starken Geschlecht nicht. Hier macht Erfolg sexy.

Dass offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird, mag vielen schon bewusst sein. Aber was tun? Die politischen Mittel des Alltags liegen heute neben dem Gang an die Wahlurne in der Unterzeichnung von Petitionen oder der allgemeinen Empörung über gesellschaftliche Schieflagen. Dadurch ist das Klo aber auch nicht geputzt, Sätze wie „Wer schön sein will, muss leiden“ ihrer bitteren Realität nicht entzogen oder eine Tätigkeit bei gleicher Qualifikation nicht gleich entlohnt. Effektive Veränderung geschieht vor allem dann, wenn sich diejenigen, die es vermeintlich nicht betrifft, angesprochen fühlen und aktiv werden. Warum sollte sich eine Frau ihr Stück vom Kuchen erkämpfen, wenn der Mann, der sich ohnehin schon mehrfach daran satt gegessen hat, schlicht eine zweite Gabel holen und das Stück geschwisterlich teilen kann? Einfach so. Aus gutem Willen, gesundem Menschenverstand oder schlichtweg Anstand. Und wenn er dann noch richtig korrekt ist, fragt er, ob sie lieber Kaffee, Tee oder Kakao zum Kuchen mag.

Jeder Mann kennt einen Mann mit Mario-Barth-Humor. Dem Kollegen deutlich vermitteln, dass es sich des Öfteren nicht um einen kecken Spruch, sondern um reaktionäre Dummheit handelt, könnte dem Witzbold mit der Zeit klar werden lassen, dass Männer sich durchaus mit Frauen solidarisieren können. Einfach so. Und weil Schulterschlüsse notwendig sind in einer Welt, in der vermeintliche Respektspersonen ungestraft Übergriffigkeit als Beweis für ihre Männlichkeit und Macht anführen können. Denn, nein, man wird doch nicht mal ein bisschen grabbeln dürfen.

Grundsätzlich ist die Frage „Möchte ich so behandelt werden?“ ein ganz brauchbarer Prüfstein. Hat schon der alte Kant gewusst, auch wenn Frauen zu seiner Zeit weitestgehend nicht mal alphabetisiert waren. Und über diese ganzen Basics hinaus bringt die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit auch mit sich, dass es beispielsweise Menschen gibt, bei deren Geburt sich die Hebamme bei der Vollendung des Satzes „Herzlichen Glückwunsch, es ist ein …“ schlichtweg getäuscht hat – und diese im Laufe ihres Lebens dieses Missverständnis wieder aufwändig aus der Welt schaffen müssen. Zudem gibt es Menschen, die sich grundsätzlich nicht in der binären Mann-Frau-Logik wiederfinden. Die in sich wissen, dass für sie ein ganz anderer Platz der richtige ist.

Die Sensibilisierung für geschlechterpolitische Fragen bringt nichts als eine realistische Chance mit sich, dass wir der Lebensrealität von Menschen, ihren Biographien, Träumen, Fähigkeiten, Bedürfnissen und ihrem freien Willen endlich wirklich gerecht werden. Wer auch nur einen Funken Gerechtigkeitsempfinden im Leib hat, müsste sich also großen Herzens und guten Mutes in den entsprechenden Auseinandersetzungen einfinden und für die richtige Sache streiten.

Ab November 2018 sind Veranstaltungen mit Sookee zu den Themen Gender und Identität geplant.  Politik und Party? Queerfeminismus durch HipHop?

Die Rapperin Sookee („Mortem & Makeup“), geboren 1983, macht aus vermeintlichen Widersprüchen glitzernde Schnittmengen und schafft damit Räume, die gesellschaftliche Veränderung voranbringen. Kultur leistet mitunter spezifischere Zeitdiagnosen als ein Parteibuch, weiß Sookee. Sie ist außerdem Mutter, Antifaschistin und voller Hoffnung. Zwangsläufig.

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