„Nacht und Nebel“

Filmreihe „Der Skandal als vorlauter Bote"

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - Film
C
So, 22.9.2019, 11:00
22.09.2019 - 11:00
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Dr. Hannes Heer

Beschreibung

Der Film, mit dem alles anfing [1955-1956]

Alain Resnais’ 1955 in Auschwitz gedrehter und mit Archivmaterial ergänzter Film ließ keinen Zweifel daran, dass, trotz des Schweigens der Deutschen, die Todeslager, die Täter und deren Opfer nicht vergessen waren. Um einen internationalen Aufschrei und den bundesdeutschen Schock zu vermeiden, ließ die Bundesregierung den Film 1956 aus dem Programm der Filmfestspiele in Cannes entfernen – der Film behindere die Aussöhnung
zwischen Deutschen und Franzosen. Weltweite Proteste führten aber dazu, dass „Nacht und Nebel“ in der BRD gezeigt wurde – allerdings nicht in den kommerziellen Kinos, sondern nur in geschlossenen Veranstaltungen. Das jugendliche Publikum dieser von Geheimnis und Verbot umwitterten Vorführungen wurde später zu einer der Keimzellen der 1968er.

Film: Alain Resnais „Nacht und Nebel“ [1956]

Der Griff Nazideutschlands zur Weltmacht endete mit der totalen Niederlage und der Bilanz von fast 40 Millionen Opfern – u.a. 30 Mio. Russen und Ukrainer, 6 Mio. Polen, 2 Mio. Jugoslawen, 500 000 Tschechoslowaken. Unter ihnen waren 5 Mio. Juden, zu denen noch 1,3 Mio. ermordete Juden aus West- und Südosteuropa und 500 000 Sinti und Roma gerechnet werden müssen.
Schon 1946 lagen zwei Abhandlungen zur Frage nach der Schuld an diesen Menschheitsverbrechen vor: Karl Jaspers sah die politische Schuld aller Deutschen darin, 1932/33 zugelassen zu haben, „daß ein solches Regime bei uns entstanden ist.“ Hannah Arendt konstatierte für die Endzeit des Regimes ab 1940/41 den Zustand einer „totalen Komplizenschaft des deutschen Volkes“ und sprach von einer „’Volksgemeinschaft’ des Verbrechens.“
Aber die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft negierte diese Diagnoseangebote und entschied sich für eine Politik der Amnestie und Amnesie: Die 1949 gegründete Bundesrepublik integrierte die Mehrheit der NS-Eliten wie der Beamten in den neuen Staat und ließ die von den Alliierten verurteilten Kriegsverbrecher frei.
Gleichzeitig löschten die Deutschen die Verbrechen der Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis, indem sie diesen Teil der Geschichte abspalteten und ihn Anderen zuwiesen: „Mitte der fünfziger Jahre“, so der Historiker Norbert Frei, „hatte sich ein öffentliches Bewußtsein durchgesetzt, das die Verantwortung für die Schandtaten des ‘Dritten Reiches’ allein Hitler und einer kleinen Clique von Haupt Kriegsverbrechern zuschrieb, während es den Deutschen in ihrer Gesamtheit den Status von politisch Verführten zubilligte, die der Krieg und seine Folgen schließlich sogar selber zu Opfern gemacht hatten.“
Gegen dieses Geschichtsbild und die daraus abgeleitete Politik konnte sich die Wahrheit dreier Genozide an den Juden, den Slawen sowie den Sinti und Roma nur in Form ununterbrochener Tabubrüche durchsetzen. Die Vortragsreihe wird acht Fälle aus dieser 60jährigen Skandalgeschichte präsentieren.

Hannes Heer, Geboren 1941, Historiker, Publizist, Ausstellungsmacher. Lebt in Hamburg

Eintritt frei, begrenzte Platzzahl. Bitte holen Sie sich eine Freikarte über die Urania-Homepage oder die Urania-Kasse. Online zzgl. Systemgebühr.

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Der Skandal als vorlauter Bote

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