Urban Gardening - Wie man Gemeinschaft wachsen lässt

Artikel
25.01.2019 - Nicolas Flessa
© Marco Clausen / Prinzessinnengarten

Wo zu Kaisers Zeiten eines der wichtigsten Warenhäuser der Reichshauptstadt den Konsumrausch von Anwohner*innen und Besucher*innen gleichermaßen zu triggern verstand, entsagen sie heute freiwillig der Logik von Zeitdruck, Verbrauch und Besitz. Grund für diese Ausnahmesituation ist eine urbane Vision, die vor knapp 10 Jahren in ein sichtbares Projekt gegossen wurde: der Prinzessinnengarten am Kreuzberger Moritzplatz.

Marco Clausen, einer der Initiatoren des mobilen Gemeinschaftsgartens, weiß um die Aktualität seines Impulses, einen grünen und für alle zugänglichen Erholungsraum zu schaffen, der gemeinschaftlich gestaltet wird. „Hier können wir uns austauschen, bilden und ernähren und tun gleichzeitig noch etwas für die biologische Vielfalt in der Stadt.“ Dabei spiegeln Orte wie der Prinzessinnengarten neben unterschiedlichen Anbaumethoden auch die vielfältigen Esstraditionen ihrer Anwohner wider. „Manche Menschen entdecken bei uns Dinge, die sie im Supermarkt nicht finden, zu denen Sie aber eine kulturelle Beziehung haben.“

Genauso groß geschrieben wie die Artenvielfalt wird dabei das partizipative Prinzip. Am Ende ist es Gemeinschaft, die über den Zweck und die Ziele eines solchen Projektes entscheidet. „Das können politische Ziele sein, Bildungsziele, der Wunsch nach ökologischem Anbau, Inklusion, Bienenhaltung in der Stadt oder auch ästhetische Fragen“, so Clausen. Aber auch die Entlastung von Abwässerkanälen oder gar der Eingriff ins Klima sind gute Gründe für Urban Gardening-Projekte; so ist es am Moritzplatz gelungen, die Temperatur trotz Klimawandel im Vergleich zur restlichen Stadt um vier Grad zu senken.

Trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile für Stadt und Anwohner sind viele informelle Gärten durch ihre prekären Mietverhältnisse dauerhaft bedroht, wie das „Himmelbeet“ in Wedding oder die „Prachttomate“ in Neukölln. Sie gelten weder als Grünfläche noch als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und werden doch in Medien und Politik immer wieder als Vorbilder genannt. „Daher ist es an der Zeit, über gemeinwohlorientierte Eigentumsformen nachzudenken“, so Clausen. Ein Ansatz sei es, am mobilen Charakter dieser Gärten festzuhalten. „Wir als Common Ground sagen hingegen, dass das Konzept Zwischennutzung in Berlin nicht mehr tragfähig ist.“

Clausen plädiert für eine generationsübergreifende Erbpacht von 99 Jahren für das Areal am Moritzplatz. „Unser Ziel ist es, den Prinzessinnengarten als Gemeingut zu erhalten. Wir haben gezeigt, wie viel Potenzial dieser Ort hat und wie viel Bedarf es an ihm gibt.“ Dass es trotz seines Kampfs für den Bestand neue Plätze für Gemeinschaftsgärten braucht, steht für Clausen außer Frage: „Durch den Wandel der Nachbarschaft wird das Publikum einheitlicher, auch touristischer. Um andere Menschen zu erreichen, müssen wir sie selber stärken einbinden und auch an andere Orte gehen. Wir arbeiten auch in Flüchtlingsunterkünften, in Kitas, in Schulen.“

Auch die Initiatoren der „Wunschproduktion Prinzessinnengarten 99 Jahre“ fordern daher neue politische Spielregeln und haben mit Interesse wahrgenommen, dass der Berliner Senat unlängst eine eigene Stelle für urbane Gärten eingerichtet hat. Ob diese den Auftrag bekommen wird, neue Flächen an Projekte wie am Moritzplatz zu vergeben, steht in den Sternen. Für Marco Clausen sind Städte wie Paris ein gutes Beispiel, dass das nicht undenkbar ist. „Relativ große Flächen, die zum Beispiel baulich schwierig sind, sind dort für urbane Landwirtschaft vorgesehen.“

Dass das Gärtnern in der Stadt nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das politische Klima einer Stadt wichtig ist, macht Urban Gardening zu einem Gesellschaftsauftrag: „Die Sorge um Vielfalt ist etwas, das man im Garten lernen kann“, so Clausen. „Ein homogener Garten funktioniert nur, wenn man permanent Gift sprüht und rausrupft, was nicht reinpasst.“ Damit solch monokulturelle Ansätze dauerhaft bei der Wurzel gepackt werden können, sorgen Orte des Austauschs und der Teilhabe wie der Prinzessinnengarten für erlebbare gesellschaftliche Wachstumsprozesse.

In der kommenden Saison wird sich die Urania verstärkt mit dem Thema Urban Gardening auseinandersetzen. Im Februar 2019 gibt es einen ersten Vortrag von den Urban- Gardening-Experten Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen und Jonathan Kuhlburger. 

Auch auf dem Parkplatz der Urania wird in diesem Frühjahr in Zusammenarbeit mit dem Berliner Prinzessinnengarten ein solches Gemeinschaftsgartenprojekt entstehen. Nähere Infos finden Sie hier.

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Verfasser: 
Nicolas Flessa