Wahrheit in Corona-Zeiten

Essay
01.07.2020 - Dieter B. Herrmann

Wissenschaft strebt nach der Wahrheit. Sie will herausfinden, wie die Dinge wirklich sind. Kann sie das? Nicht absolut.

Zu Lebzeiten von Aristoteles galt es als eine Wahrheit, dass schwere Körper ihrem natürlichen Ort zustreben, der Weltmitte. Da alle schweren Körper in Richtung Erdmittelpunkt fallen, musste dieser in der Weltmitte liegen. Das passte gut, denn es war gleichsam die physikalische Begründung für das geozentrische Weltsystem. Hätte man damals schon zum Mond fliegen können, wäre das Erstaunen groß gewesen. Ein schwerer Körper, den man dort fallen lässt, bewegt sich nämlich keineswegs stracks in Richtung Erde, sondern landet auf dem Mond.

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, wenn wissenschaftliche Hypothesen menschliche Interessen berühren würden, schlügen sich die Menschen dafür die Köpfe ein. Das trifft auf die meisten Hypothesen jedoch nicht zu. Verzwickte mathematische Rätsel, die jahrhundertelang nicht gelöst werden konnten, haben die Massen noch niemals zu Demonstrationen auf die Straße getrieben. Zwar mögen einige die Behauptung eines genialen Mathematikers vielleicht interessant finden, aber selbst diese Minderheit muss sich eingestehen: mit dem täglichen Leben der meisten Menschen hat die spannende Hypothese herzlich wenig zu tun. Doch jetzt, in der Corona-Krise, wird jede beliebige Nachrichtensendung quasi zum Wissenschaftsmagazin. Tatsächlich treten ununterbrochen Wissenschaftler vor die Kameras, nur eben keine Mathematiker, sondern Virologen. Von Mathematik verstehen die meisten Menschen wenig, von Virologie allerdings ebenso. Doch genau über die Aussagen der Virologen urteilen wir – täglich. Wissenschaft ist aber Wissenschaft und entwickelt sich im Meinungsstreit der Experten. Letztlich muss alles bewiesen werden. An den meisten Entwicklungen wissenschaftlicher Erkenntnis nimmt die Öffentlichkeit jedoch kaum teil. Ehe eine Aussage als „wahr“ akzeptiert werden kann, vergehen mitunter Jahre oder Jahrzehnte. Vorher waren ganz unterschiedliche Hypothesen, Theorien und Ansichten im Umlauf, die kaum interessiert haben, außer jene Wissenschaftler, die daran direkt beteiligt waren. Wenn nun Virologen täglich gezwungen sind, nicht nur die neuesten Fakten, sondern auch ihre Ansichten und Vermutungen in den Massenmedien bekanntzugeben, kann es nicht ausbleiben, dass bei vielen Konsumenten dieser Aussagen Irritationen entstehen. Je nach der zur Verfügung stehenden Datenbasis ergeben sich nämlich unterschiedliche Resultate. Das ist ganz normale Wissenschaft auf dem Weg zur Wahrheit. Nur die Rezeption ist eine ganz andere: „Ja, was denn nun“, fragt sich der normale Fernsehzuschauer oder Leser, „entwickelt man nach einer Corona-Infektion eine Immunität, sind infizierte Kinder ebenso ansteckend, wie infizierte Erwachsene, sind Masken tatsächlich ein Schutz, ist der Reproduktionsfaktor die entscheidende Kennziffer, werden die Viren auch durch Schwebeteilchen übertragen, sind die vermeldeten Todeszahlen realistisch?“ Wenn sich dann auch noch die Virologen selbst in die Haare kriegen (ebenfalls ganz normale Wissenschaft), dann kommen viele zu dem Schluss: Die wissen ja selbst nicht Bescheid, wollen aber die Politiker beraten.

Dabei ist die Situation eigentlich ganz einfach: Ein neuartiges Virus ist aufgetaucht, über das wir nur Schritt für Schritt etwas in Erfahrung bringen können. Doch die meisten Konsumenten der Äußerungen von Virologen denken, dass sie von ihnen die „Wahrheit“ erfahren, die aber noch gar nicht zur Verfügung steht. Hat uns Einstein immer die Wahrheit übermittelt? Einer der bedeutendsten Physiker und Denker aller Zeiten war viel zu demütig, um zu behaupten, er wäre ein Sachwalter der Wahrheit. „Wer auf dem Gebiet der Wahrheit als Autorität auftreten will, scheitert am Gelächter der Götter“, hat er einmal gesagt. Nach der Veröffentlichung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie 1915 entwickelte er daraus das Modell eines geschlossenen statischen Universums. Dann entdeckte der sowjetischen Mathematiker Alexander Friedmann, dass nach Einsteins Gleichungen auch ein auseinanderfliegendes, ein expandierendes, also zeitlich veränderliches Universum denkbar wäre. Zunächst hielt Einstein das für einen Rechenfehler Friedmanns. Dann musste er ihm rechtgeben, meinte aber trotzdem, dass einem expandierenden Weltall kaum eine physikalische Bedeutung zuzuschreiben sein dürfte. Jahre später fand auch der belgische Kosmologe George Lemaître ein expandierendes Universum. Einstein äußerte sich auch diesmal: „Ihre Berechnungen sind korrekt, aber ihr Verständnis für Physik ist abscheulich“. Das war 1927. Schon zwei Jahre später entdeckte Hubble anhand von Beobachtungen mit dem damals größten Spiegelteleskop der Erde in Kalifornien jedoch, dass die Galaxien sich tatsächlich alle voneinander entfernen und zwar – genau, wie es Lemaître berechnet hatte – mit umso größerer Geschwindigkeit, je weiter entfernt sie waren. Einstein musste sich geschlagen geben.

Ähnliche Beispiele findet man in allen Zeitepochen der Wissenschaftsgeschichte. Daran sollten wir immer denken, wenn wir die Neigung verspüren, unsere eigene Ansicht zu den Aussagen eines Virologen in die Waagschale zu werfen, obschon wir doch davon im Grunde gar nichts verstehen.

Im Übrigen gab es auch schon Meldungen über das Virus, die selbst einem Astronomen wie mir Lust machen konnten sich in die Debatte einzumischen. Da hieß es nämlich plötzlich, das Virus sei aus dem Weltall auf die Erde gekommen, an „Bord“ eines Meteoriten. Tatsächlich stürzen täglich rund 100 Tonnen meteoritischer Materie auf die Erdoberfläche: Andererseits hat man selbst bei auf der Erde gelandeten Meteoriten, die also den Flug durch die Erdatmosphäre bereits überstanden hatten, schon präbiotische Moleküle gefunden. Warum also nicht auch Viren? Dann lese ich den Wikipedia-Eintrag über „Panspermie“, einer Hypothese, die behauptet, das gesamte irdische Leben sei aus dem Weltall auf die Erde getragen worden. Der Beitrag ist ziemlich umfangreich. Doch das Fazit ist umso kürzer: wieder einmal „ganz normale Wissenschaft“. Auch über die Panspermie-Hypothese gibt es einander widersprechende Meinungen über Jahrhunderte hinweg mit Pro und Contra. Die gegenwärtige Vorzugsmeinung lautet aber: eher unwahrscheinlich. Ob es dabei bleibt, wird man sehen. Bei Covid-19 hingegen können wir ziemlich sicher sein. Allein die Genom-Analysen von Covid-19 lassen darauf schließen, dass wir es nicht mit einem primitiven „Alien“, sondern mit einem echten neu entstandenen Mitbewohner unseres Planeten zu tun haben.

Zu Lebzeiten von Aristoteles galt es als eine Wahrheit, dass schwere Körper ihrem natürlichen Ort zustreben, der Weltmitte. Da alle schweren Körper in Richtung Erdmittelpunkt fallen, musste dieser in der Weltmitte liegen. Das passte gut, denn es war gleichsam die physikalische Begründung für das geozentrische Weltsystem. Hätte man damals schon zum Mond fliegen können, wäre das Erstaunen groß gewesen. Ein schwerer Körper, den man dort fallen lässt, bewegt sich nämlich keineswegs stracks in Richtung Erde, sondern landet auf dem Mond.

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, wenn wissenschaftliche Hypothesen menschliche Interessen berühren würden, schlügen sich die Menschen dafür die Köpfe ein. Das trifft auf die meisten Hypothesen jedoch nicht zu. Verzwickte mathematische Rätsel, die jahrhundertelang nicht gelöst werden konnten, haben die Massen noch niemals zu Demonstrationen auf die Straße getrieben. Zwar mögen einige die Behauptung eines genialen Mathematikers vielleicht interessant finden, aber selbst diese Minderheit muss sich eingestehen: mit dem täglichen Leben der meisten Menschen hat die spannende Hypothese herzlich wenig zu tun. Doch jetzt, in der Corona-Krise, wird jede beliebige Nachrichtensendung quasi zum Wissenschaftsmagazin. Tatsächlich treten ununterbrochen Wissenschaftler vor die Kameras, nur eben keine Mathematiker, sondern Virologen. Von Mathematik verstehen die meisten Menschen wenig, von Virologie allerdings ebenso. Doch genau über die Aussagen der Virologen urteilen wir – täglich. Wissenschaft ist aber Wissenschaft und entwickelt sich im Meinungsstreit der Experten. Letztlich muss alles bewiesen werden. An den meisten Entwicklungen wissenschaftlicher Erkenntnis nimmt die Öffentlichkeit jedoch kaum teil. Ehe eine Aussage als „wahr“ akzeptiert werden kann, vergehen mitunter Jahre oder Jahrzehnte. Vorher waren ganz unterschiedliche Hypothesen, Theorien und Ansichten im Umlauf, die kaum interessiert haben, außer jene Wissenschaftler, die daran direkt beteiligt waren. Wenn nun Virologen täglich gezwungen sind, nicht nur die neuesten Fakten, sondern auch ihre Ansichten und Vermutungen in den Massenmedien bekanntzugeben, kann es nicht ausbleiben, dass bei vielen Konsumenten dieser Aussagen Irritationen entstehen. Je nach der zur Verfügung stehenden Datenbasis ergeben sich nämlich unterschiedliche Resultate. Das ist ganz normale Wissenschaft auf dem Weg zur Wahrheit. Nur die Rezeption ist eine ganz andere: „Ja, was denn nun“, fragt sich der normale Fernsehzuschauer oder Leser, „entwickelt man nach einer Corona-Infektion eine Immunität, sind infizierte Kinder ebenso ansteckend, wie infizierte Erwachsene, sind Masken tatsächlich ein Schutz, ist der Reproduktionsfaktor die entscheidende Kennziffer, werden die Viren auch durch Schwebeteilchen übertragen, sind die vermeldeten Todeszahlen realistisch?“ Wenn sich dann auch noch die Virologen selbst in die Haare kriegen (ebenfalls ganz normale Wissenschaft), dann kommen viele zu dem Schluss: Die wissen ja selbst nicht Bescheid, wollen aber die Politiker beraten.

Dabei ist die Situation eigentlich ganz einfach: Ein neuartiges Virus ist aufgetaucht, über das wir nur Schritt für Schritt etwas in Erfahrung bringen können. Doch die meisten Konsumenten der Äußerungen von Virologen denken, dass sie von ihnen die „Wahrheit“ erfahren, die aber noch gar nicht zur Verfügung steht. Hat uns Einstein immer die Wahrheit übermittelt? Einer der bedeutendsten Physiker und Denker aller Zeiten war viel zu demütig, um zu behaupten, er wäre ein Sachwalter der Wahrheit. „Wer auf dem Gebiet der Wahrheit als Autorität auftreten will, scheitert am Gelächter der Götter“, hat er einmal gesagt. Nach der Veröffentlichung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie 1915 entwickelte er daraus das Modell eines geschlossenen statischen Universums. Dann entdeckte der sowjetischen Mathematiker Alexander Friedmann, dass nach Einsteins Gleichungen auch ein auseinanderfliegendes, ein expandierendes, also zeitlich veränderliches Universum denkbar wäre. Zunächst hielt Einstein das für einen Rechenfehler Friedmanns. Dann musste er ihm rechtgeben, meinte aber trotzdem, dass einem expandierenden Weltall kaum eine physikalische Bedeutung zuzuschreiben sein dürfte. Jahre später fand auch der belgische Kosmologe George Lemaître ein expandierendes Universum. Einstein äußerte sich auch diesmal: „Ihre Berechnungen sind korrekt, aber ihr Verständnis für Physik ist abscheulich“. Das war 1927. Schon zwei Jahre später entdeckte Hubble anhand von Beobachtungen mit dem damals größten Spiegelteleskop der Erde in Kalifornien jedoch, dass die Galaxien sich tatsächlich alle voneinander entfernen und zwar – genau, wie es Lemaître berechnet hatte – mit umso größerer Geschwindigkeit, je weiter entfernt sie waren. Einstein musste sich geschlagen geben.

Ähnliche Beispiele findet man in allen Zeitepochen der Wissenschaftsgeschichte. Daran sollten wir immer denken, wenn wir die Neigung verspüren, unsere eigene Ansicht zu den Aussagen eines Virologen in die Waagschale zu werfen, obschon wir doch davon im Grunde gar nichts verstehen.

Im Übrigen gab es auch schon Meldungen über das Virus, die selbst einem Astronomen wie mir Lust machen konnten sich in die Debatte einzumischen. Da hieß es nämlich plötzlich, das Virus sei aus dem Weltall auf die Erde gekommen, an „Bord“ eines Meteoriten. Tatsächlich stürzen täglich rund 100 Tonnen meteoritischer Materie auf die Erdoberfläche: Andererseits hat man selbst bei auf der Erde gelandeten Meteoriten, die also den Flug durch die Erdatmosphäre bereits überstanden hatten, schon präbiotische Moleküle gefunden. Warum also nicht auch Viren? Dann lese ich den Wikipedia-Eintrag über „Panspermie“, einer Hypothese, die behauptet, das gesamte irdische Leben sei aus dem Weltall auf die Erde getragen worden. Der Beitrag ist ziemlich umfangreich. Doch das Fazit ist umso kürzer: wieder einmal „ganz normale Wissenschaft“. Auch über die Panspermie-Hypothese gibt es einander widersprechende Meinungen über Jahrhunderte hinweg mit Pro und Contra. Die gegenwärtige Vorzugsmeinung lautet aber: eher unwahrscheinlich. Ob es dabei bleibt, wird man sehen. Bei Covid-19 hingegen können wir ziemlich sicher sein. Allein die Genom-Analysen von Covid-19 lassen darauf schließen, dass wir es nicht mit einem primitiven „Alien“, sondern mit einem echten neu entstandenen Mitbewohner unseres Planeten zu tun haben.

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