Wer will ich sein? Wer darf ich werden?

Interview
09.09.2019 - François Jullien (im Gespräch mit Andrea Brandis)
„Es ist sehr leicht und bequem, eine Kultur auf wenige Bilder und Aspekte, letztlich auf Klischees zu reduzierten.“ (François Jullien; Foto: © Signe Pierce)

Der französische Philosoph François Jullien ist einer der meistübersetzten Denker unserer Zeit. Mit seinem 2017 auch auf Deutsch erschienenen Buch „Es gibt keine kulturelle Identität“ fordert er dazu auf, Vorstellungen von Eigenem und Fremdem zu überprüfen. Im Interview mit der Urania spricht Jullien über kulturelle Identität, die Macht der Sprache und warum er dem Begriff Heimat misstraut.

Menschen und Gesellschaften transformieren sich. Dennoch spricht man ihnen gemeinhin eine Identität zu. Wo hört eine „spezifische Kultur“, etwa die deutsche oder die europäische, auf – und wo fängt sie an?

Ich denke, dass man zunächst zwei Begriffe unterscheiden muss: den der persönlichen und den der kulturellen Identität. Es geht zum einen um die ganz persönliche Identität eines jeden, die sich individuell formt. Und es gibt den Begriff der kulturellen Identität, die es meiner Ansicht nach nicht gibt. Denn wie sollte man etwa die deutsche Kultur definieren – wie soll man sie zeitlich eingrenzen, wer besitzt sie? Es ist natürlich sehr leicht und bequem, eine Kultur auf wenige Bilder und Aspekte, letztlich auf Klischees zu reduzieren. Sie sind aber falsch, weil die kulturellen Ressourcen in einem Land sehr viel reichhaltiger sind.

Wenn ich mich für die deutsche oder französische Kultur interessiere, dann nicht für ihre vermeintlichen „Charakteristika“, sondern für das, was sie hervorbringt. Dennoch ist es richtig, dass sich Kultur lokal in einem bestimmten Gebiet, einem bestimmten Milieu entwickelt. Ihre Entfaltung hängt dann von den Umständen ab, beispielsweise von den Gegebenheiten im Florenz der Medici oder im Andalusien des 12. Jahrhunderts. Anschließend stehen diese Ressourcen jedoch allen zur Verfügung. Kultur ist also etwas Kollektives.

Sie nennen „kulturelle Identität“ einen Denkfehler und bevorzugen „Abstand“ statt „Differenz“. Was entgegnen Sie den identitären Bewegungen, die sich anschicken, das Abendland zu retten?

Die identitären Bewegungen müssen aus ihrer Ideologie ausbrechen, ihr Konzept ändern. Denn kulturelle Identität bezeichnet eine statische, in sich geschlossene Kultur. Sie ist exklusiv – was nichts anderes heißt als intolerant. Genauso verhält es sich auch mit der „Differenz“, die nur die Unterschiede zwischen zwei Kulturen betont. Indem ich mich der Debatte jedoch mit dem Konzept des „Abstands“ nähere, öffne ich mich und bleibe im Dialog mit dem anderen. Abgrenzung aus Angst ist also das falsche Mittel, um die kulturelle Fruchtbarkeit in Europa zu verteidigen. Vielmehr sollten vorhandene Ressourcen aktiviert und damit zur Entfaltung gebracht werden – ob in der Sprache, in Traditionen, Kunst oder Literatur. Die daraus entstehende Reibung mit anderen kann sehr fruchtbar und inspirierend sein und Neues entstehen lassen. 

Dem „Dialog der Kulturen“ wohnt bis heute etwas Paternalistisches inne. Wie können wir das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Kulturen fruchtbarer gestalten? 

Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, sich auf Augenhöhe zu bewegen und offen zu sein. Dabei geht es nicht um ein Mehr oder Weniger an geforderter Assimilation. Vielmehr geht es um einen Dialog im Sinne einer fruchtbaren Spannung, die das Gemeinsame hervorbringt. In diesem „Dazwischen“ können wir aus dem Besten in uns allen schöpfen. Fundament des Ganzen ist für mich dabei die gemeinsame Sprache, um miteinander kommunizieren und sich wechselseitig reflektieren zu können. Erst davon ausgehend ist es möglich, die Vielfalt der kulturellen Ressourcen zu erkunden und Neues entstehen zu lassen.

Als Sinologe haben Sie sich mit einer Kultur beschäftigt, die im Gegensatz zur klassischen Antike oder zu den drei monotheistischen Religionen keine unmittelbare Wurzel der europäischen Kultur darstellt. Was können wir im „Abendland“ von dieser Kultur lernen?

Meine Aufenthalte in China und die Beschäftigung mit der chinesischen Kultur haben meinen Blick auf Frankreich geweitet. Diese Außenbetrachtung hilft mir sehr und treibt mich auch zur Selbstreflektion an. Die chinesische Sprache kennt etwa für bestimmte Begriffe wie „Landschaft“ oder „Ideal“ andere Bedeutungsinhalte und Konzepte, was für unser Denken ein neuer, spannender Ausgangspunkt ist. Auch hinsichtlich der Religion gilt es, umzudenken und das Christentum nicht länger ausgehend von der Spaltung zwischen Gläubigen und Ungläubigen zu betrachten. Wir sollten vielmehr darüber nachdenken, was es an Menschlichem befördert hat.

Sie verteidigen die „kulturelle Ressource“ der Sprache und sehen die Vielfalt der Sprachen bedroht. Wie stehen Sie zur Normierung der Sprache, etwa den Umgang der Académie française mit Lehnwörtern?

Ein korrekter, bewusster Umgang mit Sprache ist essenziell. Das ist die Basis von allem und für eine Muttersprache unabdingbar. Und dazu gehören für mich auch entsprechende Regeln. In Deutschland fällt mir beispielsweise auf, dass aus Nachlässigkeit oft Anglizismen verwendet werden, für die es auch entsprechende deutsche Begriffe gibt. Wenn wir aber nur noch in standardisierten Begriffen, in Stereotypen der Einheitssprache „Globisch“ denken, verlernen wir die Fähigkeit, uns wechselseitig zu reflektieren. Nicht nur unsere Muttersprache, auch unsere kulturellen Ressourcen drohen damit zu verflachen.

Stichwort Flüchtlingskrise, Integration vs. Spaltung der Gesellschaft, Kopftuchdebatte: Was hält eine sich transformierende Gesellschaft wie Deutschland zusammen? Was stärkt sie?

Die Integration von Neuankömmlingen ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, wenn diese nicht auseinanderfallen will. Immigration bedeutet daher Zugang zu einem geteilten Gemeinsamen, dem Gemeinsamen der Sprache und der Geschichte, der Erfahrungen und Lebensweisen. Integration ist dabei aber nicht als Assimilation zu verstehen, die auf eine globale Homogenisierung und Verflachung ausgerichtet ist. Es geht vielmehr darum, das Zusammenleben immer wieder neu zu definieren, den Austausch untereinander zu befördern, um ein neues Gemeinsames entstehen zu lassen.

In Deutschland wurde das Innenressort in „Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat“ umbenannt. Wie bewerten Sie das?

Ich kann die Gründe dafür nachvollziehen, wenngleich ich dem Begriff „Heimat“ etwas misstrauisch gegenüberstehe. Im Französischen gibt es diesen Begriff nicht. Man kann Heimat am ehesten mit „patrie“ übersetzen, das auf Deutsch „Vaterland“ heißt, aber eine andere Konnotation hat. Heimat ist nach Heidegger ein fester Platz, „mein Zuhause“, das in sich abgeschlossen ist – und in dem ich hinter mir Fenster und Türen schließe. Insofern hat der Terminus Heimat auch etwas Defensives, Eingrenzendes. Dies ist meine Beobachtung als Philosoph. Meine Aufgabe ist es, Konzepte anzubieten und damit Debatten anzustoßen.

Gibt es Gesellschaften, die Ihrem Modell des „intensiven Gemeinsamen“ nahekommen? 

Europa, ganz einfach! Nachbarländer wie Frankreich und Deutschland oder Italien und Frankreich haben sich durch die Beziehung miteinander, durch das fruchtbare Hin und Her zwischen den Sprachen, Regionen und vielen anderen kulturellen Ressourcen in Spannung versetzt und damit geschärft. In der Vielfalt der Sprachen und ihren produktiven Abweichungen können wir die Möglichkeiten einer Sprache, Kunst, Literatur im Spiegel einer anderen zeigen und uns bewähren.

 

François Jullien, geboren 1951, ist Philosoph und Sinologe. Er lehrt klassische chinesische Philosophie und Ästhetik an der Universität Paris VII und erhielt zahlreiche Preise, u. a. den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken und den Grand Prix de Philosophie der l’Académie Française.

 

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