Wir müssen reden! Zeit für eine menschliche Medizin

Artikel
31.08.2021 - Dr. Yael Adler
Dr. Yael Adler ©Thomas Duffé

Arzt und Patient – selbst Beziehungsmuffel wissen, diese Beziehung ist wichtig, oft sogar lebenswichtig. Und das nicht nur in Corona­ Zeiten. Leider steckt diese Beziehung in der Krise. Woran liegt das und was können wir dafür tun, dass wir wieder miteinander ins Gespräch kommen?

Wir alle haben nur diesen einen Versuch, dieses eine Leben. Es ist nicht die Generalprobe, nein, wir landen mit der Geburt direkt in der Premiere. Und wenn der letzte Vorhang fällt, ist das Stück auch wirklich zu Ende. Auf dem Weg dorthin, auf unserem Lebensweg, haben wir einiges selbst in der Hand. Einiges, aber nicht alles. Lebensstil und Psyche spielen für unsere Gesundheit eine große Rolle, ebenso die Umwelt, aber auch die Genetik, also das, was wir von unseren Eltern ungefragt mitbekommen und ererbt haben. Krankheit hat deshalb nur selten etwas mit »Schuld« zu tun, sondern ganz häufig mit Schicksal.

Und wenn das Schicksal zuschlägt, wollen wir nicht allein sein. Wir wollen Menschen an unserer Seite haben, auf die wir uns verlassen können und die immer Zeit für uns haben, wenn wir sie brauchen. Das gilt für die Partner, mit denen wir unser Leben teilen, und das gilt für die Menschen, die uns von Berufs wegen helfen, wenn wir krank werden. Deshalb liest sich mein aktuelles Buch, das letztes Jahr erschienen ist, an vielen Stellen wie ein Beziehungsratgeber. Den Titel »Wir müssen reden« habe ich ihm gegeben, weil ich wahrnehme, dass die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten in einer Krise steckt, die bei vielen Menschen für Unsicherheit und Ängste sorgt. Eine Krise, die verhindert, dass diese besondere Partnerschaft ihre heilende Kraft mit ganzer Macht entfalten kann.

Wie so häufig bei Paarkonflikten gibt es nicht die eine Ursache oder den einen Schuldigen. Hier wirken viele Faktoren zusammen. Dazu gehören auch die äußeren Bedingungen, unter denen eine Partnerschaft gedeihen kann oder eben auch nicht. In einem Gesundheitswesen, in dem der wirtschaftliche Druck in allen Bereichen zunimmt und es häufig um Gewinnmaximierung geht, werden Menschen zu Fallen, Diagnosen und Codes. Je kränker, desto wertvoller. Man muss nur ausreichend lange suchen, dann findet sich bei jedem eine lukrative Diagnose. Unser Gesundheitssystem gehört zu den teuersten der Welt, aber es macht uns nicht zu den Gesündesten der Welt. Wir gehen sehr viel häufiger zum Arzt oder ins Krankenhaus, als das in anderen Industrienationen der Fall ist. Dort treffen wir auf überlastete Ärzte und auf Pflegepersonal, das nicht mehr weiß, wie es die ganze Arbeit schaffen soll.

In vielen Arztpraxen ein ähnliches Bild. Lange Wartezeiten, Personalmangel, hohe Kosten für teure Medizintechnik und hoher Verwaltungsaufwand, dafür aber wenig Zeit für Gespräche mit den Patienten. Eine fatale Entwicklung, denn ein Paar, das nicht miteinander spricht, wird sich bald verlieren oder gar nicht erst finden. Schon in der Antike wurde Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkraft und der Medizin, zugeschrieben: »Erst das Wort, dann die Pflanze (Arznei) und zuletzt das Messer.«

In Deutschland scheint die Reihenfolge genau andersherum. Erst die teure Operation, dann die Medikamente und dann wird noch ein bisschen geredet, aber nur, wenn es unbedingt nötig ist. In kaum einem anderen Land sprechen Ärzte und Patienten so wenig miteinander wie in Deutschland. Und in kaum einem anderen Land werfen sich so viele Patienten Heilpraktikern und alternativen Heilern in die nicht immer kompetenten Arme. Der Grund ist simpel – im Schatten der Klangschale wird zugehört und gesprochen, und die Patienten haben das Gefühl, wirklich als ganzheitlicher Mensch wahrgenommen zu werden.

Hier müssen wir unbedingt umdenken. Auch für Ärzte sollte es sich wieder lohnen, mit Patienten ins Gespräch zu kommen. Im Verhältnis zur teuren Apparate- und Reparaturmedizin muss die »sprechende Medizin« weiter aufgewertet und besser honoriert werden. Ärzte bieten häufig nur das an, was von den Kassen auch bezahlt wird, und nicht das, was vielleicht sinnvoller wäre.

Das heißt, wer die Knieschmerzen eines Patienten behandeln möchte, wird vermutlich fleißig MRT-Scans beauftragen – da sind wir Deutschen ohnehin Weltspitze – und dann Schmerzmittel oder Knieoperationen verschreiben, das geht schnell und wird ebenso ruckzuck von den Kassen vergütet. Er könnte aber auch versuchen, in vertrauensvollen Gesprächen den Patienten zu motivieren, seine Lebensweise zu ändern und abzunehmen, zum Pilates zu gehen und damit das schmerzende Knie zu entlasten. Das würde die Krankenkassen am Ende deutlich weniger kosten und dem Patienten auch langfristig helfen. Doch leider ist fast immer die erste Variante der Normalfall.

Die Bedrohungen und die Hindernisse für eine gute Partnerschaft liegen aber nicht nur im Außen. Auch Ärzte und Patienten selbst können und müssen etwas für ihre Beziehung tun. Genau wie in der Liebe wachsen Nähe und Vertrauen nur, wenn beide Partner im Dialog sind. Und damit ist nicht nur das Miteinander-Reden gemeint, sondern auch die Suche nach wahrhaftigen Begegnungen. Es geht um einen Austausch zwischen dir und mir, um ein Geben und Nehmen, um ein Sich-gegenseitig-Raum-Lassen und ein Sich-gegenseitig-Wahrnehmen. Moralisches Bewerten hat dabei keinen Platz.

Dazu braucht es einige Fähigkeiten und Eigenschaften: Offenheit, Interesse, Empathie, Augenhöhe, Respekt und Wertschätzung. Fühlen wir uns gesehen und als die Person erkannt, die wir sind, kann eine Beziehung gelingen. Fühlen wir uns übergangen und nicht ernst genommen, kommt es zu Konflikten. Und schaffen wir es dann nicht, diese Konflikte offen anzusprechen und zu lösen, dann resignieren wir. Wir verlieren Vertrauen, wir verlieren uns, und wir verlieren einen vielleicht lebenswichtigen Partner. Ich habe in meinem Buch viele persönliche Geschichten erzählt, Geschichten von gescheiterten Beziehungen. Das hatte ich vorher anders geplant. Es sollten eher unterhaltsame und anekdotische Texte werden. Doch viele, zu viele Menschen, die ich während meiner Recherchen traf, sind mit dem, was sie in Arztpraxen und Krankenhäusern erleben, zutiefst unzufrieden. Sie fühlen sich ausgeliefert, sie empfinden sich als Rädchen in einem überlasteten System oder als Diagnose und Fall und nicht als Mensch.

Die Medizin hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht: Wir verstehen viel mehr von Biologie und Physiologie, von Hormonen und Immunsystem. Wir verfügen über hervorragende Medizintechnik, neueste Therapieverfahren und hochwirksame Medikamente. Wir haben hoch spezialisierte Ärzte, die sich auf ihrem Fachgebiet bestens auskennen.

Doch was nützt all das, wenn sich der Patient dabei allein gelassen fühlt und ohnmächtig. Wir Menschen sind mehr als die Summe unserer Organe. Wir haben Wünsche und Träume, wir haben ein soziales Umfeld, und wir haben Ängste und Sorgen. Wirkliche Heilung benötigt immer auch unser Innen, die Hilfe unserer Psyche oder – wer es mag – die Hilfe unserer Seele. Die aber ist selbst für den modernsten Medizinroboter nicht erreichbar.

Wir brauchen wieder Brücken, große breite Brücken von der Hightech-Medizin hinüber zur menschlichen Medizin. Bei der Planung der notwendigen Bauarbeiten ist natürlich die Gesundheitspolitik gefragt, doch die wahren Brückenbauer, das sind am Ende WIR: Ärzte UND Patienten. Von unserer Partnerschaft, von der Qualität unserer Beziehung hängt es ab, wie menschlich wir die Medizin empfinden und wie sehr wir gemeinsam alle Therapie- und Heilungspotenziale ausschöpfen.

Wir müssen reden! Am besten sofort!

Dr. Yael Adler ist Dermatologin. Sie tritt in zahlreichen Medien als Expertin für Gesundheitsthemen auf. Neben Sachbüchern, die zu internationalen Bestsellern wurden, zeichnet sie auch für eine Kolumne in der FAZ sowie für zwei Podcasts, »Ist das noch gesund?« und »Wir müssen reden, Frau Doktor«, verantwortlich.

Wir müssen reden, Frau Doktor! Wie Ärzte ticken und was Patienten brauchen

Verlagsgruppe Droemer Knaur

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